Wildes Wasser

Kurzgeschichte

 

Das Einzige, womit ich mir jemals Mühe gegeben habe in meinem Leben, waren die Gespräche mit Ava.

Ich wusste nichts über sie, als sie zum ersten Mal anrief. Wie auch, die Kontaktaufnahme über die Website war anonym verlaufen. Heute kann ich Ihnen sagen, dass Ava eine hohe, unverwechselbare Stimme hatte, die genau dann, wenn sie verzückt war, nicht etwa weiter nach oben schnellte, sondern so einen kratzigen Ton annahm. Und dass ich sie beim ersten Anruf auf Mitte zwanzig schätzte. Natürlich weiß ich nicht, wie sie aussah, damals wie heute nicht, aber genau deshalb habe ich eine viel detailliertere Vorstellung ihres Erscheinungsbildes als von meinen eigenen Kindern.

Kennen Sie das, wenn Sie gefragt werden, ob eine Person eine Brille trägt und Sie sich einfach nicht sicher sind? Sie überlegen angestrengt und versuchen, das Gesicht dieser Person vor ihrem inneren Auge zusammenzusetzen, Sie überlegen sogar, ob diese Person mal etwas über ein neues Brillengestell, über Kontaktlinsen oder Augenlasern erwähnt hat, aber Sie kommen einfach nicht drauf. Trägt diese Person eine verdammte Brille oder nicht? So geht es mir mit den meisten Menschen in meinem Leben. Man schaut sich ja kaum noch richtig an, hat man sich einmal gesehen. Das wäre übrigens ein Thema gewesen für Ava, fällt mir gerade ein, das hätte sie außerordentlich spannend gefunden, wie sie immer sagte.

Na jedenfalls weiß ich natürlich nicht, wie sie aussah, aber in meiner Vorstellung hatte Ava langes, blondes Haar und hellblaue Augen. Ja, Sie haben ganz richtig gehört, eine Blondine, wie sie im Buche steht, und nein, das bildete ich mir zu keiner Sekunde ein, damit mir die Gespräche leichter von der Hand gingen – egal, was Sie jetzt denken, Sie liegen falsch! – im Gegenteil, es war noch schwerer, ihr zuzuhören, als ich wusste, wie schön sie war.

Wussten Sie, dass Ava ‚wildes Wasser’ bedeutet? Natürlich wissen Sie das nicht, ich wusste es ja auch nicht, aber Ava hatte es mir erzählt, gleich im ersten Gespräch. Ich hatte gestammelt wie ein dicker Pfadfinderjunge, als ich ihre glockenhelle Stimme gehört hatte, ich konnte ja kaum glauben, dass das wirklich passierte. Ich meine, ich saß in einem Motelzimmer, dessen Mief aus jeder Ritze kroch, und dann ertönte diese Stimme, die zu einem Menschen gehörte, den ich mir in dem Raum mit den orangefarbenen Gardinen und der fleckigen Tagesdecke auf dem Bett nie hätte vorstellen können. Ava war zu schön, um auch nur die Nummer dieses Motels zu wählen. Vor lauter Nervosität zwirbelte ich also das Telefonkabel um meinen linken Zeigefinger, mit dem rechten hielt ich den Hörer und mit meinem trockenen Mund stammelte ich dann: „Ava, hallo, es freut mich, dich kennenzulernen. Ava, ja, ein schöner Name“ und sie lächelte hörbar und antworte nur zwei Worte: „Wildes Wasser.“

Ich runzelte die Stirn und sagte „Wie bitte?“ und hoffte, das war nicht irgendein Ausdruck jugendlicher Alltagssprache, den ich erst nutzen würde, wenn er längst Mainstream geworden war. Zum Glück lächelte sie dann aber wieder und sagte, dass ihr Name ‚wildes Wasser’ bedeute und was soll ich Ihnen sagen, natürlich habe ich mich da in sie verliebt. Ich antwortete, dass ich das Wasser liebte, weil ich in Santa Monica aufgewachsen war – das war eine Lüge, ich hasse den Ozean – doch sie lachte nur leise und von da an schwor ich mir, sie nie wieder anzulügen, auch wenn ich wusste, dass das die größte Lüge von allen war. Das schöne Leben lag nun vor mir, ausgebreitet auf der Tagesdecke in diesem elenden Motelzimmer für fünfundvierzig fantastische Minuten die Woche. Das kostete mich pro Anruf hundertdreißig Dollar und achtzig Cent.

Bevor ich weiter erzähle, möchte ich klarstellen, dass Sie nichts über mich erfahren werden, denn ich falle nicht auf und das aus einem einzigen Grund: Ich falle nicht auf. Ich bin der Mensch, der mit seinen pubertären Kindern seit Jahren kein richtiges Wort gewechselt hat, ich bin der, dessen Frau die Entscheidungen für ihn trifft und ich bin der, der sich fünf Monate lang jeden Dienstagnachmittag für anderthalb Stunden aus dem Büro davonstahl, um im Motel mit einer schönen Blondine zu telefonieren, und das nicht aufgefallen ist.

Mein Leben ist die reinste Vorstellung von Langeweile, meine Familie die dreiköpfige Personifizierung von Unzulänglichkeit, mein Beruf so nichtssagend, es würde sich rein gar nichts ändern, wenn es ihn morgen nicht mehr gäbe. Verstehen Sie, warum das so bleiben soll?

Die Langeweile nervt mich jedoch immer mehr. Die immer gleichen Barbecues, die immer gleichen Leute, die nebeneinanderstehen und sich die immer gleichen Lügen zuraunen, mit schalem Bier anstoßen und sich die Bäuche reiben, so viel zu den Männern. Oder die Weiber, die sich bei vierzig Grad im Schatten in High Heels quetschen und keine von ihnen kann drin laufen. Sich dann an Salatblättern entlangknabbern und keinen blassen Schimmer haben, wie dämlich sie dabei aussehen. Jeden Sonntag das gleiche Programm, und montags dann Großraumbüro, und raten Sie mal, was da geplant wird? Das nächste Barbecue, weil das Letzte ja so spitze war.

Sie meinen herauszuhören, wie frustriert ich bin? Glauben Sie mir, Mitleid brauche ich nicht, denn genau dann, wenn mich das alles anödet, spinne ich eine Idee, sozusagen einen Mikroausbruch, und ich sage Ihnen, inmitten dieser Schwachköpfe zu stehen und zu wissen, dass kein Einziger weiß, wer ich bin und was ich tue, um der Eintönigkeit dieses ekelhaften Sonnenscheins zu entfliehen, das allein reicht mir manchmal für einen wöchentlichen Höhenflug. Da bin ich manchmal so gut drauf, dass ich auf dem Weg zur Arbeit das Radio anstelle und Oldies höre und pfeife.

Wie Sie sich vorstellen können, langweilten mich meine diversen Mikroausbrüche nach einiger Zeit genauso wie die eigene Schale meines Lebens. Jahrelang habe ich beispielsweise gefakte Handtaschen und Dope im Valley vertickt. Sie lachen, ja, das ist ein Klischee, das ich hier bediene. Kofferraum auf, kleine Scheine machen, die schneller groß werden, als Sie bis drei zählen können, und vom Adrenalin leben, jeden Moment könnte eine Barbecue-Schlampe vorbeikommen und nach der neuen Gucci fragen, um dann am kommenden Sonntag so zu tun, als könnte sie sich das Ding unter ihrer Achsel tatsächlich leisten.

Das Verticken habe ich mittlerweile aufgegeben, weil mich das Geld irgendwann nicht mehr interessiert hat. Ich brauchte was Neues. Etwas nur für mich, verstehen Sie. Keine Dienstleistung oder so. Und dann bin ich auf die Website gestoßen.

Am Anfang war ich skeptisch, gleichzeitig allerdings neugierig, also legte ich ein Profil an, nannte mich Hank – den Namen können Sie behalten – und wartete. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis mir ein Kontakt vorgeschlagen wurde und was mich aufregte, fand ich gleichzeitig spannend: dass ich keinen Einfluss auf die Auswahl hatte. Annehmen oder ablehnen, das war alles. Also nahm ich an. Und zwei Tage später meldete sich Ava bei mir.

Wir redeten über alles. Meistens redete sie und ich hörte zu, aber das ist ja nicht weniger ein Gespräch. Die Nummer hatte einen Areacode von Los Angeles und auch wenn es sicher nicht ihr privater Anschluss war, mit dem sie mich anrief, beruhigte mich die Vorstellung, dass sie nicht weit weg von meinem miserablen Leben ihres lebte. Ich bildete mir ein, dass sie nah war, so nah, dass sie existieren musste. Sie war irgendwo da draußen, diese Göttin einer …

Ava erzählte mir viele Dinge über ihr Leben, mit Ausnahme ihrer Familie. Sie studierte Gamedesign und im Nebenfach angewandte Sexualwissenschaften. Das denkt sich doch niemand aus. Als ich sie fragte, worum es in den Studiengängen gehe, erklärte sie mir im ersten Gespräch, dass es beim Gamedesign vormerklich um die Entwicklung von Videospielen gehe, zumindest war das der Part, den ich wirklich verstand, meine Kinder hängen schließlich den ganzen Tag an so einer Konsole. Im zweiten Gespräch, und darauf hatte ich mich eine Woche lang gefreut, fragte ich nach ihrem Nebenfach und da fing sie an zu philosophieren und hörte nicht damit auf bis zu unserem letzten Telefonat. Es fielen Begriffe wie „reproduktive Selbstbestimmung“ und dessen „Wahrung und Durchsetzung“ und „wissenschaftliche Analyse von sexuellen Verhältnissen“ und naja, Sie können sich sicher vorstellen, welche Fragen mir da auf den Lippen brannten, aber Ava war ein verdammt kluges Köpfchen, während ich mit Mogelei durchs Leben gekommen bin, wofür es auch Grips benötigt, aber sicher nicht so viel, wie für einen Studiengang, der sich „angewandte Sexualwissenschaft“ nannte. Also schwieg ich eben die meiste Zeit, sagte so Sachen wie „das ist wirklich interessant“, weil sie dann antwortete „ja, ich finde es ebenfalls außerordentlich spannend“, und das allein machte mich glücklich.

Wir redeten auch über andere Dinge, über Belangloses, das durch die Anwesenheit von Ava plötzlich nennenswert erschien. Einmal sagte sie, dass sie am Fenster sitzen würde, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Also ging ich auch zum Fenster, schob die hässlichen Vorhänge zur Seite und sah, wie sich über dem Schild des Motels der Himmel pink färbte. Nun müssen Sie wissen, dass die Sonnenuntergänge in L.A. fast jeden Abend scheiß pink sind, es ist also wirklich nichts Besonderes, aber genau das machte Ava so faszinierend: Sie sah Schönes in vielen Dingen, und durch sie konnte ich auch etwas Schönes erkennen. Wir beobachteten zusammen den Sonnenuntergang und schwiegen und als ich nichts hörte, außer Avas sanfte Atemzüge, da stiegen mir die Tränen in die Augen und ich überlegte noch lange nach unserem Telefonat, wann ich das letzte Mal geweint hatte. Oder fürs Weinen bezahlt.

Ava war ungeheuer positiv und fröhlich und genau deshalb stellte ich sie mir als hübsche Blondine vor, aufgewachsen in einem liebevollen Zuhause in gutbürgerlicher Mittelschicht, mit Republikaner-Eltern, einem jüngeren Bruder mit Aussicht auf ein Sportstipendium, einem Freund mit Gel-Frisur, der ihr unterlegen war und das auch sicherlich wusste, und vielen Freundinnen, die so sein wollten wie sie. Ava lebte in meiner Vorstellung auf der Sonnenseite des Lebens und aus genau diesem Grund ziehe ich meinen Hut vor den Machern der Website, denn sie hatten mir einen Engel geschickt, als mich das schwarze Loch, das ich mein Leben nenne, fast verschluckte.

Sie fragen sich vielleicht, warum mich das Glück einer mir fremden Frau nicht auf die Nerven ging, doch hier kommt der entscheidende Unterschied zu all den Idioten da draußen: sie war’s wirklich. Glücklich, meine ich. Da war nichts Aufgesetztes dran und das hatte auch nichts damit zu tun, dass sie ziemlich gut mit der Telefonnummer verdiente. Meine Frau hat in den letzten zwanzig Jahren unserer Ehe so viele Barbecues geschmissen, dass in meinem Garten ständig Menschen herumstanden, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, die mir aber alle mit einem Grinsen entgegentraten, dieser aufgesetzten Santa-Monica-Kacke. Während ich also ehrlich schlecht gelaunt war, war Ava die einzige Person, die ehrlich gut gelaunt war, und das fand ich zur Abwechslung außerordentlich spannend.

Irgendwann hatte ich den Mut, sie zu fragen, warum sie sich so glücklich anhörte, ausnahmslos, jeden Dienstag und auch, wenn’s regnete, denn Regen, wie wir alle wissen, verdirbt den meisten Menschen die Laune. Und Ava sagte: „Weißt du Hank, du musst eine Sache finden, die dich komplett erfüllt. Wirklich, eine reicht. Ich wiederum“, fügte sie hinzu, „würde nichts in meinem Leben verändern wollen. Alles ist perfekt, auch die Dinge, die nicht perfekt sind. Ich liebe mein Leben. Verstehst du?“

Ich nickte. „Wenn du das verinnerlichst, Hank, dann bist du frei.“ Sie ließ den Satz im Motelzimmer schweben, als verstünde sich die Bedeutung von selbst, was für mich absurd war. Aber soll ich Ihnen das wirklich Tragische erzählen, wollen Sie mal richtig laut lachen, hm?

Eine Woche lang pochte dieser Satz in meinem Kopf und als ich bereit war, zuzugeben, dass ich lange nicht so clever war wie sie, auch wenn sie das natürlich längst wusste, da saß ich auf dem Bett im Motel und Ava rief nicht an.

Ich wartete eine Stunde, aber das Telefon klingelte nicht. Ich kontaktierte die Website und zwei Tage später wurde mir mitgeteilt, dass Ava gekündigt hatte und dass es Ihnen sehr leid täte, dass sie – Ava – sich nicht persönlich von mir verabschiedet hatte, denn das war eigentlich eine strikte Vereinbarung. Als Wiedergutmachung boten sie mir einen Gutschein im Wert von fünf Dollar für meinen nächsten Kontakt an. Ich legte auf.

Lange Zeit fühlte ich nichts. Ava war weg und ich wusste, dass ich sie nicht zurückholen konnte – wie auch? Sollte ich herausfinden, wer sie wirklich war und sie dann abpassen vor der Universität oder vor ihrer Wohnung? Ich respektierte sie zu sehr, um ihre Entscheidung nicht zu respektieren, auch wenn mich schmerzte, dass sie sich nicht verabschiedet hatte. Doch dann kam mir ein Gedanke: Was, wenn sie es doch getan hatte?

Drei Wochen nach unserem letzten Gespräch packte ich meine übrige Kohle aus meinen Verdiensten im Valley in eine Sporttasche und fuhr nach Venice. Ich lief die Promenade entlang, suchte den Bettler, der am wenigsten nach Junkie aussah, und stellte die Tasche vor ihm ab. „Mach dich frei“, sagte ich zu ihm und ging davon und obwohl wir beide nicht wussten, was ich damit meinte, fühlte ich mich gut dabei. Fast so gut wie bei meinen Gesprächen mit Ava.

Dann setzte ich mich in den Sand, betrachtete die heranrollenden Wellen und vermutete, dass Ava nicht ihr richtiger Name war, sondern, dass sie sich den ausgesucht hatte, der zu ihrer Persönlichkeit am besten passte. Oder am allerwenigsten.

An diesem Nachmittag saß ich am Strand, bis sich der Himmel pink färbte, und ich mochte den Pazifik ein klitzekleines bisschen. Als mir schließlich die Knie wehtaten, stand ich auf, ging zu meinem Wagen und dachte mir, wie einfach es doch war, sich ein paar Stunden Glück zu erkaufen, auch wenn man dafür ein bisschen lügen musste. Ich sag’ Ihnen was und vielleicht finden Sie ja zur Abwechslung mal was von mir außerordentlich spannend. Die Welt ist käuflich.

 

 



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