Sport.

Sie heißt Manuela, aber wir sollen sie Manu nennen. Ehe ich mich frage, wann ich sie Manu nennen soll, weil die Musik ohrenbetäubend laut ist und ich, im Gegensatz zu Manu, kein Headset trage, geht es allerdings schon los. Manu steht neben einem Brasilianer auf der Bühne, er ist durchtrainiert und spricht nur Englisch. Er heißt, natürlich, Carlos. Carlos und Manu werden uns heute einheizen.

Die Frau neben mir scheint genauso nervös wie ich, ich sehe ihr an wie ein Rehkitz auf weiter Flur, dass sie ebenfalls neu ist. Höflicherweise frage ich sie trotzdem nochmal. Sie nickt und von da an sind wir ein eingeschworenes Team. Sport verbindet, heißt es ja immer, und ich verteidige ab jetzt meinen Platz neben ihr hartnäckig gegen alle, die noch schnell hereinkommen und versuchen, sich zwischen uns zu pressen.

Ich mache also diesen Kurs, ein Cardio-Workout mit Martial Arts-Einflüssen, und bin nach zehn Minuten fix und fertig. Ich frage mich, ob ich mich jemals überhaupt bewegt habe, denn die letzten Jahre hielt sich mein Bewegungsradius insofern in Grenzen, dass ich das Tippen auf meiner Tastatur dazuzähle. Doch als alle anderen um mich herum anfangen zu stöhnen, ihnen der Schweiß von den muskulösen Schulterblättern perlt und in die schicken Polyester-Outfits sickert, denke ich mir du schaffst das! Und komme mir sagenhaft lächerlich dabei vor.

Sport und ich, das war schon immer eine Hassliebe, wie sie ausgeprägter kaum sein kann. In der fünften Klasse habe ich den Schwimmwettbewerb gewonnen und wurde daraufhin vom Sportlehrer in die Gruppe der „Sehenden“ aufgenommen. Die beiden anderen Gruppen nannte er „Halbäugige“ und „Blinde“ und man braucht kein Pädagoge zu sein, um zu erkennen, dass der Unterricht einen recht fragwürdigen, militärischen Beigeschmack hatte.

Abgesehen von Schwimmen interessierte mich nichts. Reckturnen und Medizinbälle, Wörter, bei deren Klang mir kalter Angstschweiß den Rücken hinunterläuft. Bei den Bundesjugendspielen machte mir die Teilnehmerurkunde nichts aus, ich war schlank, und das alleine zählte in der Jugend. Dann kam der Ballettunterricht und als ich eine Klasse überspringen sollte, bog ich kurz vor der verheißungsvollen Karriere auf das Fußballfeld ab, weil ich mir selbst ein bisschen Coolness beweisen wollte, tauschte also Tutu gegen rote Fußballschuhe und schoss trotz Sturmposition kein einziges Tor.

Heute, zwei Monate vor meinem dreißigsten Geburtstag, weiß ich einiges besser: Dass Yoga unterschätzt wird und unendlich wichtig ist, vor allem, wenn man trainiert, dass ich lieber Sport mache, als auf Schokolade zu verzichten und dass mir dieser Kurs, bei dem ich jede zweite Übung nach der Hälfte abbrechen muss, beunruhigender Weise verdammt gut gefällt.

Das liegt an Manu, sie bringt mich zum Lachen. Denn während sie sich immer wieder neu positioniert, funktioniert sie ihre Fäuste in Mikrofone um, singt hinein und beißt sich auf die Unterlippe, wie ein unterforderter Keyboarder, der merkt, dass plötzlich die Kamera auf ihn gerichtet hast. Könnt ihr es spüren? Oh ja, Manu, ich kann es spüren und weiter geht’s, ich befinde mich mittlerweile in einem Stadium, in dem der Schweiß nicht mehr perlt, sondern tropft, und zwar von meiner Nase auf meine Lippe auf den Boden.

Nach genau sechzig Minuten ist alles vorbei, die Frau neben mir und ich schauen uns an, wir haben es geschafft. Manu ist ebenfalls happy, Carlos gibt eine High Five-Runde aus und dieser eklige Optimismus ist verdammt ansteckend. Ich schlage ein und breche danach zusammen.

Generell verfluche ich jeden Artikel, jeden Vortrag von Motivationsgurus und jede Rede von Oscar-Gewinnern, die beginnen mit den unnötigen Worten „Hätte mir vor zehn Jahren mal jemand gesagt, dass ich blablabla, ich hätte ihn für verrückt erklärt.“
Nun ja, das ist wohl der Anfang von Erfolgsgeschichten, es ist allerdings auch der stilistisch gähnenswerteste Einstieg, den man sich vorstellen kann. Aber, ich muss das einfach klarstellen: Hätte mir jemand vor einigen Jahren prophezeit, dass ich mich abends darauf freuen würde, mich am nächsten Tag mit vierzig anderen in einem Raum auszupowern, zu Musik, die mich an fast verdrängte Nächte in den schlechtesten Clubs München erinnert – ich hätte laut gelacht. Sehr laut gelacht.



Kommentare sind geschlossen.