Rodi Garganico.

Italienische Ferienorte wirken im Winter gespenstisch und das hat eine ganz eigene Schönheit. An der Promenade laufen ungelenke Jogger gegen den Winterspeck, einzelne Plastiktüten fegen über die Straße. Die Restaurants sind geschlossen, für einen kurzen Moment erwecken die mit Muscheln und Blumenranken bemalten Türen, dass sich dahinter vielleicht doch ein bisschen Leben verbergen könnte. Dann fällt der Blick auf das Schloss und man geht weiter, hinein in die Bistros und Eisdielen, die dem Winter trotzen und zeigen, wie all das eigentlich aussehen könnte, würden die Menschen nicht dicke Jacken tragen, während sie am Tresen einen caffè trinken.

Dunkle Marmorböden, Metallstühle, Glastische, blinkende Weihnachtsbeleuchtung und George Michaels Hits in Dauerschleife. Dolce, dolce, dolce in den meterlangen Auslagen. Jeder macht alles selbst und die kleinsten Törtchen haben ihre traditionellen Wurzeln genau hier, wo man steht, sich über die Lippen leckt und freut, weil der Carabinieri hereinkommt und sich ebenfalls freut. Feierabend und ein Schwatz mit ausladender Gestik, erhobener Zeigefinger, alles nur ein Scherz. Es ist kühl hier drinnen, man löffelt sich trotzdem durch den großen Eisbecher mit Sahne. Niemand hier hat den Sommer so wirklich gehen lassen, wozu auch, so wird der Winter zur Durchgangsstation, einer Jahreszeit, die man im Vorbeigehen freundlich grüßt.

Draußen fegt eine Windböe nach der anderen über den Sand, sie treibt ihn in die Augen und man muss sich ihr entgegenstellen. Halbinseln und ihr wechselhaftes Wetter, davon kann selbst dieses Land ein Lied singen, wo es doch sonst lockt mit der flirrenden Hitze Süditaliens, dem dritten Eisballen, der doch eigentlich nicht mehr auf den zweiten passt und das sich plötzlich einstellende Gefühl, dass alles gut ist, sobald man hier ist.

Im Winter ist das anders und doch ist der Ort derselbe. Klein, verwinkelt und verzaubert. Die Wäsche hängt genau so, als hätte sie nie jemand abgehängt und die Sonne blitzt für ein paar Sekunden durch die Gassen und wärmt die kühle Haut. Es ist nicht so kalt wie anderswo und doch fühlt es sich gerade hier unwirklich frisch an. Vielleicht, weil Süditalien doch eigentlich nur im Sommer existiert. Es ist ein anderer Ort, wenn die Olivenhaine silberfarben schimmern, wie mit Raureif überzogen.

Auf die Frage, ob er einen Grüntee bekomme, erhält er die Gegenfrage, ob das eine Art Latte Macchiato sei. Es ist der vielleicht witzigste Moment des ganzen Jahres und obwohl sich kurz darauf herausstellt, dass der Kellner sich einfach nur verhörte, muss man an der Stelle wirklich laut lachen. Oder leise schmunzeln. Weil dieser kleine Austausch für genau das steht, wofür man Italien doch so liebt: Die unbändige Liebe zum caffè, am besten in ghiaccio. Aber erst, wenn wieder Sommer ist.



Eine Antwort zu “Rodi Garganico.”

  1. […] teilweise unverständlich sein. Das macht den Ort allerdings auch so besonders, wie ich finde. Gerade im Winter hatte ich nicht immer das Gefühl, tatsächlich in Italien zu sein, vor allem, wenn der Wind tobte […]