Glastonbury.

Sie ist die vierte Person, die mir sagt, es sei schon zu kalt, um Fahrrad zu fahren, und ich denke mir, was weißt du schon vom Fahrrad fahren. Das Fahrrad und ich, unsere Beziehung hält schon mindestens so lange, wie mir Räder geklaut wurden. Und trotzdem bin ich nie auf etwas anderes umgestiegen.

Wir verabschieden uns, sie steigt ins Taxi, ich auf mein Rad. Ich rufe ihr zu, dass jetzt, wo wir kein Ticket fürs Glastonbury hätten, offiziell 230 Pfund übrig haben. Das hat man nicht oft. So viel Geld übrig. Wir sollten uns was überlegen. Sie nickt das ab.

Wer nachts auf dem Fahrrad durch beleuchtete Straßen und über schimmernden Asphalt fährt, wer das nicht nur schätzt im Sommer, sondern auch im Herbst, wenn die schneidende Kälte eine so ernüchterne Wirkung hat, wie wenn dich jemand im wichtigsten Moment wach rüttelt, der weiß, wie schön das sein kann. Das Fahrrad fahren.

Das Erste, was ich sehe, ist ein knutschendes Paar vor einem Schuppen, der seit Jahren sein Image aufpolieren will, allerdings schon am Versuch scheitert. Ich freu mich für die beiden.
Das Erste, was ich höre, ist, ‚oh yeah, you’re right. We haven’t done any cocain yet‘, und da muss ich plötzlich so laut lachen, und denke mir ‚ihr blöden Amis‘, da dreht sie sich zu mir um, aber ich bin mir ganz sicher, ich habe das nur gedacht. Ich muss weiterlachen, so was mache ich eigentlich nicht, aber ich finde sie einfach so lustig, da ruft sie mir zu ‚das ist so typisch deutsch‘, die Ampel schaltet auf Grün, ich fahre weiter und frage mich noch sehr lange, was genau denn jetzt deutsch sei, aber weil Deutsche alles zerdenken, lasse ich den Gedanken in den nächsten Gulli fallen.

Die Stadt wird ruhiger. So viele Geschichten, aber die Straßen sind leer und die Fenster dunkel. In manche Gassen schaue ich nur hinein, ich traue mich nicht, an Häusern vorbeizufahren, in denen meine eigenen Geschichten noch geistern und ihren Weg nach draußen nicht finden. Manches sollte man ruhen lassen, es ist einfach so lange her. Um manches sollte man einen Bogen fahren, anstatt am Klingelschild zu halten und sich dann doch nicht zu trauen.
Die Menschen sind ausgezogen, die Geschichten bleiben.

Block um Block wird es immer stiller, wird immer dunkler, wird immer schöner. Ich biege in meine Straße ein und mir ist längst nicht mehr kalt. Ich weiß, jetzt könnte alles passieren, oder auch gar nichts, aber in jedem Fall ist es in Ordnung. Mehr als das, alles ist gut. Sogar mein Katzenauge schnurrt bei dem Gedanken. Es ist kaputt gegangen, als wir vor einer halben Stunde umgefallen sind, und jetzt schnurrt es laut bei jedem Gedanken. Vielleicht muss ich es gar nicht reparieren.
Ich stelle mein Rad ab und schreibe ihr, dass ich gut nach Hause gekommen bin. Mein Rad und ich, denn das macht man so.

Samstagnacht beschäftige ich mich dann damit, die Memos von Freitagnacht anzuhören. Ich habe einige Lösungsvorschläge parat, was man mit 230 gewonnenen Pfund tun könnte. Und stelle dabei fest, dass Freitagnacht viel besser war als Samstagnacht.



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