Freundschaft in Zeiten von C.

Journal.
Freundschaft in Zeiten von C.

Alles hat angefangen, wie diese neuen Freundschaften eben beginnen, nämlich auf Instagram. Vor zwei Monaten fragtest du nach meiner Handynummer und vielleicht, weil ein sehr langer März zwischen Damals und Heute liegt, fühlt sich deine Nachricht so an, als hättest du sie Ende der 1990er geschickt. Ein paar Wochen später sagtest du, dass nach meiner Nummer zu fragen schon jetzt die beste Entscheidung für dieses Jahr sei. Tatsächlich würde ich das unterstreichen. Für uns beide und auch, weil 2020 wohl nicht mehr viel passiert, was dieses Großereignis toppen würde, schließlich werden keine anderen stattfinden. Liebe C., wir sind mal wieder konkurrenzlos unterwegs. Ich schweife ab, das tun wir immer, wir schicken uns Sprachnachrichten, rufen uns jedoch nicht an, und das seit über zwei Monaten. Wir sind mittenrein gesprungen, vielleicht wussten wir schon Ende Januar, dass das jetzt alles schnell gehen muss, dass wir uns wenig später wirklich brauchen werden, ganz so, wie der Rest der Welt.

Auf einer Zugfahrt durch England hast du mein Manuskript gelesen, und auch während einer Pediküre. Dann bist du durch London gelaufen und hast mir von deinem früheren Leben hier erzählt, der Wind war manchmal so stark, dass ich kaum etwas verstanden habe – Dinge, die mich bei anderen wahnsinnig machen, finde ich bei dir charmant, ganz so, wie wenn man sich eben frisch verknallt und so ziemlich alles ziemlich gut oder eben vollkommen egal ist. Ich erzählte dir, dass ich im Mai nach London fliegen würde und voller Vorfreude war, dann nahm ich dein Manuskript mit in die Sauna, las es ebenfalls in einem Zug und so begannen unsere zwanzigminütigen Sprachnachrichten, in denen wir uns gegenseitig Freundin und Lektorin wurden.

Der Februar kam und ging. Höhen wechselten sich bei dir mit traurigen Nachrichten ab, immer dabei das Handy in der Hand, meine Welt nur ein paar Worte entfernt – selten fühlte ich mich jemandem so schnell so nah, auch wenn ich weiß, dass es leicht ist, eine Freundschaft, die analog nicht stattfindet, zu romantisieren. Wann kennt man sich wirklich? Ich muss daran denken, als mir meine Freundin A. erzählte, dass sie schnell spürt, ob ihr jemand nahe stehen wird. Dafür braucht es wohl keine Kalendersprüche, die anderes prophezeien. So ging es mir mit dir, C., du warst plötzlich da und ich fragte mich, wo du all die Jahre zuvor rumgehüpft bist, doch dann muss gesagt werden, dass Freundschaften doch für bestimmte Lebensabschnitte stehen. Sie kommen, gehen, verwaschen und verändern sich – da halte ich es mit den Kalendersprüchen und sage: Alles hat einen Sinn. Auch schön: Alles zu seiner Zeit.

Irgendwann war da dieses Päckchen im Briefkasten: Ein Lippenstift, den ich fast täglich trage, weil du meine Lieblingsfarbe kanntest, bevor ich es tat. Ein London-Reiseführer deines Vertrauens, den ich dieser Tage wieder in Hand nahm, wohlwissend, dass ich die Reise längst storniert und meine Enttäuschung darüber irgendwo verstaut habe. Eine Karte, die an meinem Kühlschrank klebt. Ein Beauty-Produkt, mit dem ich mich endlich im Erwachsenen-Leben angekommen fühle. Ein Tee, den ich kannenweise trinke und dabei hattest du doch keine Ahnung, dass ich Wasser mit Geschmack nie mochte. Jetzt freue ich mich jeden Tag darauf, ihn bei 80 Grad – ich weiß – aufzugießen. Und dann waren da noch zwei dieser Pralinen, die du ab und an verschlingst und die ich bisher nie probiert hatte. Kürzlich bekam ich eine Nachricht von meiner Mutter, in der stand: „Die Pralinen, die C. so mag, sind gerade im Angebot, sag ihr das mal, das lohnt sich.“ Wenn ich jetzt durch den Supermarkt gehe und die Packung sehe, muss ich immer lächeln. Und denke mir, nur Omas essen die, und C., die so jung ist, wie ich es gerne wieder wäre.

Kürzlich habe ich geschrieben, dass ich dich fast angerufen hätte. Du meintest dann, dass du Telefonieren hasst, bei mir jedoch rangehen würdest. Das fühlte sich ein bisschen so an wie diese aktuelle Krise, die unsere Welt stillstehen lässt: Ich bleibe ganz gerne zuhause, auch mal ein ganzes Wochenende, doch ich brauche die Möglichkeit, das Gegenteil tun zu können. Selten hatte ich solches Fernweh, so eine Sehnsucht nach Berührungen, nach fremden Menschen und vollen Städten. Genauso beruhigt es mich zu wissen, dass ich dich anrufen könnte, aber keine Sorge, ich tu’s nicht. Überhaupt scherzen wir oft über unsere außergewöhnliche Situation, uns nie gesehen zu haben, doch jetzt musst du stark sein C., denn wir hatten sogar ein Kennenlerndatum. Weißt du noch? Heute, der vierte April. Stattdessen sitze ich jedoch in meiner dunklen Küche, mit einem dunklen Rotwein und weiß, dass du gerade in deiner sitzt, an deinem von dir selbst frisch abgeschliffenen Küchentisch. Du trinkst Sekt, alleine, und auch das fühlt sich so verbunden an.

Als ich diese Woche viel weinte, spielte ich mit dem Gedanken, unsere alten Sprachnachrichten anzuhören. Ich hatte so viel lachen müssen wie schon lange nicht mehr. Vor allem, als ich längere Zeit nichts von dir gehört hatte und du mit einer Geschichte auf meinem Display zurückgekehrt warst, die sich niemand hätte ausdenken konnte. Außer eben das Leben. Dein Leben eben.
Es ergibt schon Sinn, dass wir uns jetzt kennengelernt haben. Dass wir uns siezen, wenn’s ernst wird und dass du die besten Buchtipps gibst. Dass du die Brotbackmischung vom Sommer 2019 doch nicht gegessen hast und mich nach meiner Meinung fragst, wenn du überstürzt ein paar hundert Euro aus dem Fenster schmeißen willst. Dass du mir neulich dieses Lied von Herbert geschickt hast und er jetzt auch zu uns gehört. Vor allem macht es jedoch Sinn, dass du mir Bilder aus deiner Küche schickst und Paint-like einen Pfeil reinmalst, der auf einen freien Platz deutet. Darüber steht: Du! Das berührt mich in diesen Zeiten umso mehr.

Heute hätten wir uns also getroffen, liebe C. Dinner and a movie hatte ich vorgeschlagen, ein klassisches Date, obwohl ich längst weiß, dass das hier was Ernstes werden könnte. Stattdessen passiert bei dir gerade so viel, wie bei manchen in einem ganzen Jahr nicht, und ich gehe fast jeden Tag laufen, weil ich nicht weiß wohin mit mir. Außer dann, wenn ich in irgendeinem Eck in meiner Wohnung sitze, die längste Sprachnachricht der Welt anhöre und mir dabei Notizen mache, damit ich nichts vergesse. Der beste Content kommt immer noch aus der Hauptstadt.
Das hier ist für dich, C., für mich und natürlich auch für Janosch. Ha. Als würde ich all das schreiben und ihn dabei vergessen!