Fallhöhe.

Es war verboten. Trotzdem übte es keinen besonderen Reiz auf sie aus. Sie wollte nicht hier oben sein, sie hatte Höhenangst. Sie hatte schon immer Angst vor dem Fall.

Er liebte das Klettern, sie bevorzugte den Boden der Tatsachen. Immer wieder zog er sie hinauf, warf sie hinein in eine Ungewissheit aus steilen Felsvorsprüngen, an denen sie sich entlanghangeln musste, und sie wusste überhaupt nicht, was sie tat. Fast immer rutschte sie aus, und fast immer musste sie sich irgendwo festhalten. Sie hatte Angst, und nicht nur vor dem Abgrund, sondern vor der Frage, ob er jemand war, der sie halten würde.

Am Boden, wenn sie einfach nur so da lagen, durch den Park spazierten, wenn sie ins Kino gingen, da hielt er immer ihre Hand. Und die Menschen drehten sich nach ihnen um, ‚was für ein reizendes Paar‘ nuschelten die Bäume.
Sie konnte atmen, sie konnte sich enstpannen. Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, die Situation unter Kontrolle zu haben. Dann trug sie immer diesen matten, roten Lippenstift auf und zog das Kleid an, das er so mochte. Sie malte sich die Zuversicht ins Gesicht und hüllte den Körper dabei in Sicherheit.

Doch der Punkt, an dem ihm all das nicht reichte, kam immer wieder. Das Ende einer Liebe, sagt man. Es holte sie ein, lauerte hinter Ecken, um sie zu erschrecken. Dann packte er seine Sieben Sachen und ging los, hangelte sich in die Höhe, und sie lief ihm hinterher. Blieb ihr etwas anderes übrig?
Sie dachte, in einer Zeit vor ihm, dass sie immer eine Wahl hatte. Aber irgendwo auf dem Weg hatte sie alles verloren und von dem selbstsicheren Mädchen blieb nichts übrig als ein Schatten, der nun zu ihr gehörte, zitternd vor Kälte zwischen zwei Felsspalten, ohne Vor, kein Zurück.

Wo sollten sie sich treffen, zwischen Boden und Gipfel, zwischen Sicherheit und Risiko? Es gibt, schlichtweg, keine Schnittmenge, sagte eine Stimme, sie glaubte, es war ihre. Als die Erkenntnis ganz plötzlich in ihr Bewusstsein drang, da rutschte ihr Fuß vom glitschigen Stein, ihr Herz klopfte zum Anschlag, ihr Inneres bebte. Er griff nach ihrer Hand, er hielt sie so fest wie noch nie, und da verworf sie alles. Jeden Zweifel, sie blickten sich an.
„Bleib noch ein bisschen“, flüsterte sie, da zog er sie hoch und sie wägte sich in neuer Sicherheit, die sich trügerisch um sie legte. Nebel zog auf.



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