Weggefährten

Sie stand an der Straße Schein, Ecke Sein, als er ihr gegenübertrat. Sie war versunken in die Gerbera auf dem Tisch zuhause und versuchte, den frischen Sommerduft hinter ihren leeren Augen aufsteigen zu lassen. Durch ihre Sonnenbrille wirkte er viel bräuner, als er ihr ruhig gegenüberstand und sich nicht regte.

Es musste so kommen, das wusste sie, denn man sah sich immer zweimal im Leben. Oder vielleicht auch dreimal, aber auf jeden Fall so oft, wie es nötig war, das war ihr klar.

Es hatte Tage gegeben, an denen sie ganz bewusst die Straßen entlanggelaufen war. Ihre hellgrünen Augen, wenn auch traurig, waren immer perfekt geschminkt, als sie sich wie eine Katze umsah, immer bereit zum Sprung, aber so unauffällig, wie sie nur sein konnte, sich durch die Menschen schlängelte und ihn in den fremden Gesichtern suchte. Nie hatte sie ihn gefunden. Zuhause angekommen, war es für sie ein Gefühl der Erleichterung, aber auch gleichzeitig ein nicht greifbarer Zorn. Sie wusste bis zu diesem Tag im Spätsommer nicht, warum sie so zornig war. War sie es auf sich selbst oder doch auf ihn? Auf beide?

Sie war vorbereitet gewesen, immer. Für Begegnungen wie diese. Jeden Tag lief sie die Straßen hinunter und ihre großen Augen funkelten im Sonnenlicht. Er hätte sie sehen sollen, die Katze, die er gegen ein Mäuschen eingetauscht hatte. Es war vergeblich.

Sie stand an der Ecke Schein und Sein, als es ihr dämmerte, dass es das Universum war. Es hatte nicht mitgespielt, hatte sich nicht in ihren Plan eingeklinkt, sondern schrieb eigene Spielregeln. Innerlich schüttelte sie ihren Kopf und er betrachtete sie weiterhin, rührte sich keinen Schritt, nicht mal, als die Menschen an ihm vorbeiliefen und ihm fragende Blicke zuwarfen. Und dann ihr. Ihr war das egal, schon immer gewesen.

Sie wünschte sich, sie könnten immer so stehen. In einer Parallelwelt, in der Fragen einfach verpufften. Man konnte existieren, nebeneinander leben, ohne sich darum bemühen zu müssen, die Herzfetzen sorgfältig zusammenzuflicken. Um sie dann, lose, wie sie herunterhingen, vor dem nächsten Windhauch zu schützen. Es wäre so einfach.

Aber wer wollte das schon, sagte sie sich, und schaute ihm dabei direkt in die Augen. Herausfordernd, denn das war die einzige Möglichkeit, ihre ganze Unsicherheit verstecken zu können. Die bohrenden Fragen an den Sinn. Denn damals, als sie den Rat hörte, niemals auch nur eine Sekunde nicht an ihn zu denken, denn in dieser einen Sekunde würde er vor ihr stehen, da hatte sie gelächelt. Sagte sich, dass sie immer auf der Hut sei. Und dass ihr, gerade ihr, das nie passieren würde.

Bis sie da stand. Und er auch. An der Ecke Schein und Sein. Und sie an ihre Blumen dachte, die langsam angefangen hatten zu verwelken.

Der Sturm in ihr hatte getobt. So unglaublich lange. Immer hatte sie gedacht, es sei er gewesen, der ihre Welt auf den Kopf gestellt hatte. Aber nun, da sie sich gegenüberstanden und alles vollkommen ruhig erschien, selbst die Kluft zwischen ihnen nur ein laues Lüftchen, gestand sie sich ein, dass es einzig und alleine ihre Gedanken waren, die den Sturm immer wieder aufwirbelten.

Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und zwinkerte einen kurzen Moment. Es war hell, so gleißend hell, dass er fast verschwand in einem sogartigen Wüstenlicht. Sie war schutzlos und er ebenso, denn das Mäuschen war nicht bei ihm.

Und so standen sie sich noch eine Weile gegenüber. Zumindest kam es ihr wie eine kleine Ewigkeit vor. Vielleicht, weil sie sich das so sehr wünschte. Vielleicht, weil es das erste Mal war, dass er mit ihr stillstand. Bevor er sich umdrehte und ging, in eine Richtung, die so weit weg von ihrem Weg lag, dass sie sich noch ein paar Minuten darüber wundern musste, wie sie sich jemals hatten begegnen können.



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