Das Messer (Kurzgeschichte)

Eingereicht beim Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb 2017 – Endauswahl der Siegerrunde.
Thema: Frontbericht

 

Sie war klatschnass, als er die Tür öffnete, doch erst, als er sie musterte, fiel ihr das auf. Der Regen hing in ihrem Haar. Sie fröstelte.

„Du lebst in Klischees, Anna“, sagte er, schüttelte den Kopf und ging zurück in die Wohnung. Die Tür ließ er offen. Sie betrat ein Terrain, das sie kannte, ausnahmslos kannte, weil es einmal auch ihres gewesen war, und doch erschien es ihr jetzt fremd. Hier wohnte eine neue Geschichte. Und Anna war noch nie zuvor so bewusst durch den Türrahmen und in die Küche getreten.

„Was soll der Rucksack?“

Sie drehte sich um und streifte dabei die Tischkante. Ein Messer, das auf dem Rand eines Tellers lag, fiel auf den Boden. Sie überlegte es aufzuheben, doch mit dem riesigen Rucksack auf ihrem Rücken würde sie vielleicht das Gleichgewicht verlieren. Also blieb sie stehen.

Er warf ihr ein Handtuch zu. Den Sicherheitsabstand hielt er weiterhin ein, dachte sie. Aber warum sollte er es auch nicht tun, gerade hier, in dieser kleinen Küche, in der vor kurzem ein Krieg getobt hatte. Keiner von beiden hatte eine weiße Flagge gehisst.

„Ich nehm den mal ab“, sagte sie. Sie lallte ein bisschen, schämte sich kurz. Sie ließ den Rucksack über ihre Schulter auf den Boden gleiten. Dann fuhr sie sich mit dem Handtuch über ihr Gesicht und durchs Haar. Sie roch ihr Shampoo und fragte sich, ob er es ebenfalls riechen konnte, und wenn ja, ob er den Duft noch immer mochte.

 

„Es ist mitten in der Nacht. Warum bist du hier?“ Er lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme.

„Na, ich war in der Gegend.“ Sie grinste, doch es erstarb, als sie feststellen musste, dass sie ihn nicht mehr zum Lachen brachte. Nicht so, nicht mit ihren unüberlegten Aktionen. Das war nichts Neues mehr für ihn. Stattdessen verzog er den Mund, was nicht ansatzweise seinem Lächeln nahekam. Dem Lächeln, mit dem die ganze Misere angefangen hatte.

 

„Anna, du bist betrunken. Und falls du vorhattest, eine Szene zu machen, falls du…“, er fuhr sich durchs Haar, als wäre er der männliche Hauptdarsteller eines amerikanischen Liebesdramas aus den 50ern, der gerade diese Regieanweisung bekommen hatte, einfach, weil diese Handlung an ihm so fantastisch aussah, und dann sagte er noch: „Sie ist nicht hier.“

Anna setzte sich auf den Stuhl, genauer gesagt auf ihren Stuhl, denn zufälligerweise stand der, den sie einmal im Hausflur mit einem „Zu verschenken“-Schild gesehen und dann sechs Stockwerke hochgetragen hatte, genau neben ihr. Sie hatte ihn bei ihrem Auszug nicht mitgenommen.

Anna kramte in ihrer Jackentasche.

„Hast du Feuer?“

„Nein. Seit wann rauchst du denn?“

„Seitdem wir nicht mehr wir sind.“ Sie zog eine Packung Camel heraus. „Ich wollte mir auch die Haare abschneiden lassen, aber dann wurden es doch nur die Spitzen.“

Sie hielt eine Zigarette in die Höhe und runzelte die Stirn darüber, dass sie umgeknickt war. Er ging auf sie zu und nahm sie ihr aus der Hand, doch ihre Hände berührten sich dabei nicht. Ein Detail. Dann setzte er sich auf die andere Seite des Tisches.

„Warum bist du hier, Anna? Ich muss um sechs raus und du kreuzt einfach so auf, setzt dich in meine Küche und willst eine rauchen. Das macht doch kein normaler Mensch.“

„In unsere Küche.“

Er rieb sich die Augen. Lange Zeit sagte keiner etwas, bis der rote Kater durch die angelehnte Schlafzimmertür in die Küche schlüpfte und an ihren Beinen entlangstrich. Er schnurrte.

„Hallo Hund“, sagte sie, das war sein Name, und hob ihn auf ihren Schoß. Sie vergrub ihr Gesicht in das weiches Fell.

In Annas Kopf machte mittlerweile sehr vieles wenig Sinn. Sie versuchte sich zu sortieren und die Punkte anzusprechen, die sie sich auf dem Weg hierher zurechtgelegt hatte. Sie wollte strukturiert wirken, denn das mochte er nun anscheinend, doch dieses Vorhaben war eine Flasche Wein zu spät gekommen.

 

„Ich bin wesentlich gewöhnlicher, als du denkst. Ich hätte mit dir ein Haus gebaut.“ Welches sie nun wieder vor sich sah. Es war klein, darin war Platz für sie beide und vielleicht noch einen weiteren Menschen und für Hund. Es war leuchtend rot angestrichen, ein Holzhaus, und es stand auf einem kleinen, grünen Hügel und es sah schon von weitem sehr einladend aus. Die Menschen, die daran vorbeigingen, würden Dinge wie „zauberhaft!“ rufen, würde stehen bleiben und sich fragen, wer hier wohnte und wie glücklich sie wohl waren, in so einem schönen Haus zu wohnen. Sicherlich würde man sich hier kaum streiten, würden sich die Leute dann zuflüstern, denn am Abend würde man sich auf die Stufe vor der Haustür setzen, in eine große Wolldecke gewickelt, und in den Sternenhimmel gucken und dann wäre alles, absolut alles, nur noch halb so schlimm. Oder doppelt so schön.

 

„Hättest du nicht. Das ist ja der Grund, warum du so…“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Warum ich so einzigartig bin? Toll? Besonders?“

Er seufzte. „Du wärst bei dem Gedanken, ein Haus zu bauen, in den Zug gesprungen oder ins Flugzeug und ich wäre dir hinterher und weiß der Himmel, wo wir herausgekommen wären.“

Sie musste lächeln. „Und das wäre so schlimm gewesen?“

Er sagte nichts. Hund schmiegte sich immer näher an Anna. Er war ein sehr intelligenter Kater und durch ihre plötzliche Anwesenheit sicherlich verwirrt, entschied sich jedoch offensichtlich dafür, das Ganze erst später zu hinterfragen und sich vorab mit den Streicheleinheiten von ihr zu begnügen.

 

„Kassandra steigt nicht in Züge, sondern bleibt stehen. Oder sitzen, je nachdem. Stimmt’s?“

Er ging nicht auf ihre Provokation ein und sie fragte sich wieder einmal, ob Kassandra ein richtiger Name war. Wer hieß denn so? Kassandra und Jakob, das passte nicht, nicht in ihrer Welt, und die Kassandras ihrer Welt würden auch keine kleinen, rot angestrichenen Häuser bauen, aber die Sache war die, dass der Jakob ihrer Welt genau so eins wollen würde. Wenn er es nur wüsste.

 

Sie blickte auf, weil ein Satz in ihrem Kopf irgendwo dagegen gerannt war und nun am Boden lag: „Du hast mir weh getan.“

Der Satz, obwohl er lag, rüttelte an allem. An den Gläsern im Schrank, an dem eh schon wackeligen Tischbein, an den Bildern an der Wand, an Jakobs Gewissen.

„Es hat so weh getan, Jakob, und das Schlimme war, dass du das wusstest, und trotzdem oder, nein, wahrscheinlich hast du genau deswegen die Tür so schnell zugemacht, dass ich nicht mal den Fuß, nicht mal meinen kleinen Zeh hineinschieben konnte.“ Ihre Stimme überschlug sich und ihr Zwerchfell tat es ihr nach. Sie bekam einen Schluckauf.

Nachdem sie dreimal gehickst hatte und den Kopf schüttelte und die Luft anhielt und ihr dabei die Tränen in die Augen stiegen, weil es der unpassendste Moment überhaupt war für einen Schluckauf, stand Jakob auf, hielt ein Glas unter den Wasserhahn und stellte es vor ihr auf den Tisch. Er blieb neben ihr stehen. Sie hickste. Er setzte sich wieder und dann drehte sich irgendwas. Wieder saßen sie sich gegenüber, nur jetzt ganz anders.

 

Es dauerte eine Weile, um genau zu sein drei Hickse lang, bis Jakob sagte:

„Was willst du hören? Dass ich ein feiges Arschloch bin? Ist es das, was du hören willst, Anna? Macht es das besser? Heilt das dann die Wunden, deine und meine auch?“

Sie hatte aufgehört, den Kater zu streicheln, was er damit quittierte, sich zu strecken und von ihrem Schoß zu springen. Jetzt, wo ihre Hände wieder frei waren, erinnerte sie sich an die Zigarettenschachtel, die sie wieder in ihre Jackentasche gesteckt hatte. Sie zog sie erneut hervor, nahm eine Zigarette heraus, zündete sie an und inhalierte. Und hickste.

„Ich hasse es, dich rauchen zu sehen.“

„Das ist nur, weil du Arzt bist.“

„Ich bin noch kein Arzt.“

„Aber bald.“

„Hörst du bitte wieder auf?“

„Kommst du zu mir zurück?“

 

Er schaute als Erster weg.

„Keine Sorge“, sagte sie dann und aschte auf den leeren Teller, der neben ihr stand. Ein paar Krümel lagen darauf, sein Abendbrot vielleicht. „Das ist nur für den Übergang.“

„Welcher Übergang?“

Ihre Füße umspielten das Messer, das noch immer am Boden lag. „Bis ich an einem Ort bin, an dem es nicht mehr so weh tut und Lungenkrebs mein einziges Problem ist.“

Er lächelte, wirklich und richtig, mit Grübchen und allem drum und dran und in diesem Moment rauschte die ganze kaputte Beziehung an Annas innerem Auge vorbei und hielt genau da an, wo Jakob sie zum allerersten Mal angelächelt hatte, und sie zurück gelächelt hatte, und dabei ganz genau gewusst hatte, dass er es war, mit dem sie das kleine rote Haus auf dem kleinen, grünen Hügel bauen würde. Wahrscheinlich wusste er damals auch irgendwas.

Doch jetzt saß sie hier, an dem alten Küchentisch, den sie so mochte, an dem sie so oft Spaghetti in Salbeisahne gegessen hatten, an dem sie so oft gestritten hatten, auf dem sie während einiger Hauspartys am liebsten saß und Jakob umarmte, wenn er vorbeilief, auf dem sie zum ersten Mal Sex hatten, weil sie es, wie es das Klischee verlangte, nicht ins Schlafzimmer geschafft hatten. Ihre Beziehung war eine aus dem Bilderbuch gewesen. Laut, stürmisch, chaotisch, schnell. Und zum Scheitern verurteilt. Die Art Geschichte, die nicht halten konnte, und am Ende so sehr verletzte, dass Anna nun hier saß, sich in Jakobs dunkelblauen Augen verirrte und sich fragte, ob es besser gewesen wäre, wenn sie sich damals einfach nicht angelächelt hätten.

 

„Sag mir mal was, Jakob. Bist du jetzt glücklich? Glücklicher als mit mir?“

Er presste die Lippen aufeinander.

„Ich meins ernst, ich will es wissen. Mit Kassandra, mit ihrem langen, blonden Haar und der Doppelhaushälfte ihrer Eltern, die sie warm hält, bis du dieses schöne Loch hier aufgibst. Frau, Haus, kleiner Garten, halber Hund.“ Sie hielt inne, weil sie plötzlich zu weinen begann. „Ich würds gern wissen“, sagte sie dann, „wie fühlt es sich an?“

 

Jakob fixierte sie, auch wenn sein Gesicht verschwamm, spürte sie den Blick. Dann stand er auf, ging ins Bad und knallte die Tür ins Schloss. Der Raum drehte sich, das bemerkte Anna erst jetzt, wo sie mit sich alleine war und ihr Blick haltlos wanderte. Sie saß lange einfach so da, ab und an fuhr sie mit dem Handrücken über ihre nassen Wangen.

Jakob riss die Badezimmertür auf und ging so schnell auf sie zu, den Zeigefinger dabei auf sie gerichtet, dass sie zurückwich.

„So einfach ist die Geschichte nicht!“ Er schnaufte tief und sein rechtes Auge zuckte, es zuckte immer, wenn er wütend wurde. Dann ließ er seine Hand fallen und stemmte die Arme in die Hüften.

„Scheiße, man, du weißt doch, dass es nicht so einfach ist. Du weißt, wie wir waren, du weißt es doch! Und wie viel davon noch da ist, da hast du es, da“, sagte er und hielt ihr seine Handflächen hin, „das wolltest du doch hören, deshalb kreuzt du mitten in der Nacht hier auf. Ich geb’s dir, bitte, nur zu, natürlich ist da noch was da und wir haben beide Mist gebaut, aber ganz ehrlich, Anna…“ Bei ihrem Namen löste sie den Blick von seinen Händen, sie dachte, jetzt würde eine Erklärung kommen, ein Satz, den sie brauchte, um die weiße Flagge endlich hissen zu können, doch es kam gar nichts mehr. Er atmete aus, vielmehr war es ein Zischen, wie wenn jemand aus einer gleich platzenden Situation Luft herauslassen würde. Jakob lehnte sich gegen die Küchenanrichte und rutschte nach unten auf den Boden, wo er sitzenblieb, die Beine angewinkelt, die Arme hingen schlaff über seine Knie. Eine Weile schwiegen sie gemeinsam, bis Jakob aus seiner Starre herausfiel und sich die Augen rieb.

„Es ist jetzt einfacher. Ich weiß nicht, ob es besser ist, aber es ist einfacher.“

Anna nickte, obwohl Jakob es nicht sehen konnte, denn er blickte starr geradeaus, hinein in den Spalt der angelehnten Schlafzimmertür, woraus nichts drang außer pechschwarzer Dunkelheit.

„Schade um den Namen“, sagte sie irgendwann. „Wenn man Kassandra heißt, sollte man doch wirklich was erleben.“

 

Irgendwann stieß Anna einen kurzen Laut aus. Es war mit ihnen nie einfach gewesen. Das hatte zwar niemand im Voraus behauptet, aber vielleicht wäre es, nur ab und an, ein bisschen angenehmer gewesen. Weniger schlaflose Nächte, weniger rasende Herzen, die gegen Wände liefen. Sie hob das Messer auf und legte es zurück auf den Teller.

 

„Ich muss mal los.“

Jakobs Blick wanderte von ihr zu dem großen Rucksack, der noch genau da auf dem Boden lag, wo sie ihn hatte fallenlassen. Er wirkte trotzig, seine Anwesenheit war nicht weiter thematisiert worden. „Was hat es damit auf sich?“

„Ich fliege nach Indien.“

„Jetzt?“

„In drei Stunden. Oder vier, weiß ich gerade nicht genau.“

„Warum?“

Sie biss sich auf die Unterlippe und gab sich selbst das Versprechen, im Flugzeug weiterzutrinken. „Weil ich irgendwas sehen muss, das mich nicht jede Sekunde an dich erinnert.“

Und das war wohl der Satz, den er hören musste. „Kannst du eigentlich irgendwas sagen, das nicht ganz so dramatisch klingt?“ Dann ging er auf sie zu, sie sagte noch schnell, „nein“, doch da nahm er schon ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie. Und das fühlte sich ungefähr so an, als würden Milliarden von Schmetterlingen wieder zurückfliegen, hinein in ihren Bauch, bunt und wild und frei, und nur, um nochmal Tschüss zu sagen.

 

Sie stand wieder im Türrahmen. Sie steckte sich die Kopfhörer in die Ohren und ihr Handy in die Jackentasche.

„Ich liebe dich.“

Er nickte.

Sie schloss die Augen. Das kleine, rote Haus stand noch immer auf dem kleinen, grünen Hügel. Sie öffnete wieder die Augen. „Das war schön mit uns.“

Er nickte nochmal.

„Kommt immer darauf an, wie man es sieht, was?“ Sie legte den Kopf schief. „Und aus welchem Winkel man es betrachtet.“

Jakob lehnte sich an den Türrahmen und betrachtete sie einen Augenblick. „Es kommt ja immer auf irgendwas an.“

 

Sie wusste, dass er sie zurück in die Wohnung ziehen würde, würde sie ihn umarmen. Also drehte Anna sich um und drückte auf den Lichtschalter im Flur. Sie hatte noch immer keine weiße Flagge zur Hand, aber die Situation zu beleuchten, das Licht im hintersten Eck anzuknipsen, das zählte vielleicht auch.

Dann ging sie die Treppe hinunter, jede einzelne Stufe bis ins Erdgeschoss, und sie merkte schon jetzt, dass der Rucksack viel zu schwer war und auch, dass die Tür im sechsten Stock noch immer offen stand.

 



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