Crème brûlée

„Es ist, was es ist.“
„Und das, was ist, ist eben scheiße.“
„So kannst du das nicht sagen.“
„Schau’s dir doch an.“

Sie sticht mit dem Löffel die Oberfläche ihrer Crème brûlée durch. Ein kleines bisschen zu weich. Ein kleines bisschen zu unperfekt. Ich beobachte sie, wie sie ihre Lippen kräuselt. Ich weiß, ich weiß. Sie mag das nicht, wenn die Oberfläche nicht fest ist.

Ihre Familie, und das lässt sich in einem Satz zusammenfassen, ist anstrengend. Zu viele Leute die mitmischen, man könnte meinen, diese Familie sei schlichtweg überfüllt. Und vielleicht ist sie das auch.
Sie hat sich angewöhnt, ihre Männer nicht mehr mit nach Hause zu bringen. Das bringt alle zur Weißglut und ich glaube, die Neugier und die Unruhe macht sie ein bisschen glücklich. Sie zieht sich raus, hat ihr eigenes Ruder in der Hand, während der Rest unbeholfen paddelt und sich alle durcheinander Dinge zuwerfen, die nicht wirklich dabei behilflich sind, ans Ufer zu gelangen. Oder zumindest, um sich in ein gottverdammtes Boot zu retten und darin dann gemeinsam drin zu sitzen. Eventuell wäre das ein Anfang.
Alle haben eine Meinung zu allem. Die kann sich aber ändern, sie kann positiv oder negativ ausschlagen, wie ein Pendel, das seine Richtung selbst bestimmt. Das Wetter spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle.

„Die Crème brûlée ist zu weich.“
Ich seufze. „Weißt du, dass du selbst deine ganze laute, anstrengende, neurotische und hypochondrische Familie bist?“
Sie grinst. „Deswegen hab ich es auch nicht so mit dem Selbstwert.“

Ich nicke.
Meine Leute sind das Gegenteil. Keiner tritt sich auf die Füße, schon gar nicht, wenn alle artig unter dem Tisch versammelt stehen. Es wird geschwiegen, und dabei so vieles verschwiegen, es gibt nicht genügend Teppiche, um die Angelegenheiten schnell genug darunter zu kehren. Sollte man meinen, doch irgendwie gelingt es immer wieder. Ich finde das faszinierend.

Ich habe gelernt, meine Klappe zu halten, und habe es doch nie getan. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin die einzige in meiner Familie, die gelernt hat, dass eine Meinung im Kopf noch lange keine Meinung ist.

„Du bist so anders als deine Sippe, du kannst nur zu denen gehören. Du bist das süße, kleine, dunkelschwarze Schaf. Und ich liebe dich dafür.“

Ich lache und ziehe ihr das halb leere Porzellantöpfchen unter dem Löffel weg.

Sie schaut mir in die Augen. „Es gibt Tage, da könnte ich sie alle ganz sanft von der höchsten Klippe schubsen.“
Dann zieht sie das Töpfchen mit dem Löffel zurück zu sich.

„Aber dann, unterm Strich, ist es eben meine Familie“, sagt sie und zuckt die Achseln.
Und ich sage, dass ich das verstehen kann. Und zucke ebenfalls die Achseln.



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