Amnestisches Syndrom

 

Die Zeit heilt alle Wunden, sagen sie, doch Die Zeit sagt gerade, du sollst vergessen, mit der Fußnote dass das manchmal gar nicht so einfach ist, weil unser Gedächtnis zu lückenlos funktioniert.
Manchmal, wenn ich an der Ampel stehe, und dieses Gefühl, etwas zwischen Déjà-vu und blassen Erinnerungsfäden in mein Gehirn sticht, so spitz, dass ich mir nicht sicher bin, ob es das Zitroneneis war, da merke ich, dass ich noch alles weiß. Selbst das, was mir nie bewusst war, das weiß ich jetzt, denn es breitet sich so aus, wie wenn man ein Taschentuch auseinander faltet, weil man sehen will, was darin verborgen liegt.

Du schaffst das schon, sagen sie, und ich würge, es geht doch nicht um Schaffen, es geht doch um ein schönes Leben. Schon Schlimmeres erlebt. Da geht es runter, immer nochmal ne Stufe weiter runter, aber nie schauen wir nach oben, orientieren uns an dem, was wir wollen, was uns ausmacht und glücklich macht.
Es gibt zu vieles, schlichtweg zu vieles, für das es sich lohnt, das Licht anzuknipsen, aber wer macht das schon, so lange man sich erinnern kann.

Und es gibt Tage, da will ich nichts schaffen, will nicht nach Stunden zwischen Bett und Kühlschrank spüren, dass der Entzug zwar seine Kreise gezogen, mich aber nicht gekriegt hat. Manchmal, da will ich einfach nur machen, und dann dabei lachen. Mach doch, was du willst beim Namen nehmen, das Negative aus den Zeilen erst verwischen, dann herausstreichen, bis die Wahrheit übrig bleibt. Das schafft die schon.

Ich vergesse nicht, aber ich kann die Erinnerungen auf den Stufen abstellen, von schwarz über grau bis weiß, mit lautem Peng oder auch gar keinem Knall und wenn ich sie wieder zusammengefaltet habe und das Taschentuch in meiner Hand halte, dann geht es mir seltsam gut dabei. Dann hat die Zeit die Wunden verblassen lassen, Narben entstehen lassen, die ich entlang fahre, meist ganz unbewusst und mit seligem Druck.

Du schaffst das schon, sagen sie dann, und dann kann ich über ihre Köpfe hinwegsehen, weil ich es schon vor ihnen wusste, dann drehe ich mich um, atme tief in mein Kissen. Und dann Licht aus.



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